Food aus dem Netz – ein Blick in den Markt

Lebensmittel per Internet zu ordern, gewinnt in Deutschland immer mehr an Akzeptanz. Grund genug, den Online-Handelsmarkt für Lebensmittel genauer anzuschauen.

Einkaufen: schönes Erlebnis für die einen, lästige Notwendigkeit für andere. Eine Alternative ist immer öfter der Kauf im Internet. Das E-Commerce-Angebot wächst rasant – auch die Nachfrage nach dem Lebensmitteleinkauf im Internet. Nicht nur große Supermarktketten wie REWE oder Handelsriesen wie Amazon setzen auf den Online-Handel mit Lebensmitteln. Viele innovative „Nischenanbieter“ drängen mittlerweile auf den Markt und heben sich mit spezielleren Produkten abseits des Mainstreams heraus.

Mehr Aufmerksamkeit beim Kunden

Die Deutschen scheinen bereit zu sein, dieses Angebot vermehrt zu nutzen. Eine Befragung der Unternehmensberatung PwC sieht ein deutliches Entwicklungspotential beim Onlinekauf von Lebensmitteln in der deutschen Bevölkerung. 40 Prozent planen, in den nächsten Monaten Lebensmittel online zu kaufen, 15 Prozent der Befragten tun dies bereits.

Eine repräsentative Umfrage des Markforschungsinstituts Kantar TNS im Auftrag des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW) hat ergeben, dass 33 Prozent bereits Lebensmittel online gekauft haben und dies wiederholen würden.  Etwa ein Drittel könnten sich dies vorstellen, haben es aber noch nicht gemacht. Die Vorteile des Online-Lebensmittelhandels bestünden darin, das Kunden ihre Bestellungen unabhängig von Zeit und Ort aufgeben könnten. Als Nachteile wurden genannt, dass der Konsument die Ware nicht prüfen könne. Probleme werden auch mit der Lieferung zu bestimmten Zeiten gesehen oder sowie mit den damit verbundenen Versandkosten.

Die Chance des gelieferten Einkaufs

Vor allem jüngere Konsumenten sehen für sich die Chance des gelieferten Einkaufs. Dies macht eine Untersuchung des Handelsverbands Deutschland (HDE) deutlich. Für Kunden unter 29 Jahren ist der Wunsch nach einer Entlastung beim Lebensmitteleinkauf sowie die Affinität zu Onlinekäufen größer als bei älteren Kundengruppen.

„Wir Deutschen zeigen uns in Bezug auf Neues nicht selten eher zurückhaltend, es ist schön zu sehen, dass es auch anders geht“, sagt BVDW-Vizepräsident Achim Himmelreich in einem Artikel von Lead Digital. „Dabei ist der Lebensmitteleinkauf nicht selten eine Art Ritual und folgt einem festen Ablauf. Offenbar wiegen die Vorteile des Onlinekaufs schwer, wenn wir uns trotz fester Gewohnheiten derart offen gegenüber dieser Alternative zeigen.“

Steigende Marktzahlen

Mit der gestiegenen Akzeptanz in der Bevölkerung werden auch höhere Umsätze in der Branche erzielt. Im letzten Jahr überschritt der Online-Umsatz für Lebensmittel die Eine-Milliarden-Euro-Grenze. Bis 2030 ist ein Umsatzplus des Onlinemarktanteils bei Lebensmitteln auf 16 Prozent möglich, so eine Studie der Unternehmensberatung Oliver Wyman.

Der Marktanteil der Online-Lebensmittel könnte auf 19 Prozent ansteigen, prophezeit die Oliver-Wyman-Studie. Dafür müsse die Reichweite der Online-Händler außerhalb der Großstädte in weniger besiedelte Regionen ausgebaut werden.

Online-Handel könnte daher eine Antwort auf viele gesellschaftliche Probleme sein, meint auch Christoph Wenk-Fischer, Hauptgeschäftsführer des bevh Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel Deutschland (bevh). „Wir freuen uns, dass der E-Commerce immer stärker seinen Beitrag zur Grundversorgung der Bevölkerung leistet. Vor allem dort, wo die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse aufgrund der demografischen Entwicklung anders nur mehr schwer gewährleistet werden kann“, so Wenk-Fischer im Bericht der Wirtschaftswoche.

Laut dem bevh wurden letztes Jahr Produkte für rund 58 Milliarden Euro online gekauft. Statista-Zahlen belegen, dass beliebte Lebensmittelprodukte vor allen Dingen Süßwaren, Snacks, Konserven und Getränke sind.

Frischwaren online weniger gefragt

Bei frischer Ware schrecken die Kunden noch eher zurück. So werden online eher haltbare, weniger frische Lebensmittel gekauft. Dort ist das Vertrauen der Konsumenten noch nicht stark ausgeprägt. Denn die Frische der Produkte sowie der gesamte Preis sind laut Statista für die Kunden die wichtigsten Kriterien beim Kauf von Lebensmitteln.

Weiterhin ein Hemmnis für angehende Kunden ist die Lieferung. Kunden sind durch die vermeintlichen langen Lieferzeiten der Ware skeptisch. „Gut einem Drittel dauert es zu lange, bis die Lebensmittel geliefert werden“, berichtete das iwd (Institut der deutschen Wirtschaft).

Scheitern die Großen?

Der US-Riese Amazon mischte 2017 mit seiner Ankündigung der Einführung des Lebensmitteldienstes AmazonFresh die Branche auf. Doch der Ansturm blieb aus, wie die Wirtschaftswoche berichtet. Eine Chance für die Konkurrenz, doch die verhält sich eher vorsichtig.

Laut der Studie „Lebensmittel E-Commerce 2018“ des EHI Retail Institute sind die stärksten Anbieter in puncto Online-Lebensmittel AmazonFresh und das Berliner Unternehmen HelloFresh mit 100 bis 200 Millionen Euro Umsatz.

Einige Supermärkte und Discounter versuchten neben ihrem stationären Handel auch, online ihre Lebensmittel zu verkaufen, zum Beispiel Kaufland oder Lidl. Doch beide entschieden sich schnell dafür, dieses Angebot einzustellen, da die Rentabilität fehlte und man sich „verstärkt auf Innovationspotenziale im stationären Geschäft konzentrieren“ möchte. Aldi hat den Versand von Lebensmitteln nicht mal angeboten, so ein Bericht des Business Insiders. Einzig REWE bleibt weiter bei seinem Lieferservice. Dieser hat laut EHI einen Umsatz von 50 bis 100 Millionen Euro generiert.

Innovationen im Online-Handel

Viele Start-ups aus dem E-Commerce-Bereich müssen sich gegenüber den großen Handelsriesen wie Amazon Fresh oder REWE standhalten. Denn der Online-Handel muss besonders seine Innovationsfähigkeit gegenüber den klassischen Märkten beweisen. Das digitale Einkaufen sollte für den Kunden erlebnisorientiert gestaltet sein, um die Vorteile gegenüber dem stationären Handel zu betonen. Dabei setzen Startups auf das Besondere: Sie bieten biologische, nachhaltige, gesunde oder spezielle und schwer erhältliche Produkte an.

Verschwendung von Lebensmitteln? Nein danke!

Innovative Geschäftsmodelle wie das des Berliner Start-ups SirPlus stechen hervor. Mit einem Online-Shop und eigenen Supermärkten (bisher nur in Berlin) will das Unternehmen aus der Hauptstadt sich gegen Lebensmittelverschwendung einsetzen. Dazu kauft SirPlus kurz vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum stehende, aber noch gut erhaltene Lebensmittel auf und verkauft diese weiter über den Online-Shop. Das Start-up liefert bundesweit.

Das Bremer Start-up MyEnso will mit seinem neuartigen Geschäftsmodell von der Welle des Onlinehandels profitieren. Nach dem Prinzip „Der Kunde hat das Sagen“ bestimmen die Kunden mit, welche Produkte ins Sortiment kommen und welche Service-Leistungen MyEnso anbietet. Hier heißt es: „Mitgestalten“.

Das Start-up kann bereits 14.000 registrierte Kunden vorweisen und führt mehr als 24.000 Artikel in seinem Sortiment. Und es sollen noch viel mehr werden, denn große Sortimentsvielfalt macht MyEnso aus. Bis Ende 2019 soll das Sortiment auf rund 100.000 Produkte wachsen.

„Wir bringen den Supermarkt ins Dorf“

Für potentielle Kunden können solche Online-Händler ganze Supermärkte ersetzen in Gebieten, in denen es keine mehr gibt. MyEnso liefert auch in abgeschiedene Orte, etwa in die niedersächsische Gemeinde Blender. Dort existiert kein Supermarkt mehr. Ein Online-Lieferdienst als eine Erleichterung für ältere und nicht mobile Menschen, deren Versorgungslücke so geschlossen werden kann. „Wir bringen den Supermarkt ins Dorf zurück“, so Mitgründer Thorsten Bausch gegenüber T3N.

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