Von „Tyrann“ bis „Halsabschneider“: Amazon immer unbeliebter beim Einzelhandel

Amazon hat keinen guten Stand beim Einzelhandel. Marketplace-Händler werfen dem US-Konzern vor, tyrannisch aufzutreten, und so mancher vermutet, das Unternehmen nutze die Verkaufsdaten, um seine Händler auszubooten. Eine Entwicklung, die anscheinend nicht jeden überrascht.

Der Satz sollte aufhorchen lassen: Verkäufer, die ihre Produkte bislang über Amazon angeboten haben, „wollten sich nur anonym über die Praktiken von Amazon äußern, aus Angst vor negativen Konsequenzen.“ So zitiert das Portal Onlinehändler-News.de seine britischen Kollegen von Digiday.

Digiday hat mit Händlern gesprochen, die ihre Produkte künftig auf anderen Plattformen präsentieren wollen. Hauptgründe: Der US-Konzern erlege seinen Verkäufern so strikte Regelungen auf, dass sie ständig mit einer Sperre ihres Accounts rechnen müssten. Erschwerend hinzu kämen hohe Gebühren und eine Kommunikation, die diesen Namen nicht verdiene, so der Tenor vieler Verkäufer. Unter kleinen Unternehmen sei Amazon inzwischen als „Tyrann“ bekannt, wird ein Händler zitiert. Und ein anderer Unternehmer bezeichnet den US-Konzern sogar als „Halsabschneider“, der „jeden jagt, der etwas Schlechtes sagt“.

Kein Wunder, dass sich nach einigen namhaften Playern wie Birkenstock, Adidas oder Asics inzwischen immer mehr auch kleinere Verkäufer von Amazon lossagen. So zeigt eine Studie von Feedvisor, dass sich von 1.200 befragten Händlern bereits mehr als jeder dritte nach anderen Verkaufsplattformen umsieht.

Wildern in der Nische

Doch es sind nicht nur die hohen Gebühren und das rüde Verhalten, die den Händlern sauer aufstoßen, sondern auch die zusätzliche Konkurrenz durch den US-Konzern selber. So argwöhnt mancher Marktplatz-Partner, Amazon rastere die Verkaufsdaten, „um anschließend selbst in der Nische zu wildern“, wie die Wirtschaftswoche schreibt: „Läuft ein Produkt gut, bietet es Amazon selbst an – natürlich günstiger als der kleine Händler.“

Heribert Trunk, Logistik-Experte und E-Commerce-Fachmann, überrascht diese Entwicklung nicht: „Wer genau hingesehen hat, konnte schon vor Jahren feststellen, dass Amazon nicht die Interessen seiner Händler im Blick hat, sondern sie schlicht benutzt, um die eigene Marktmacht auszubauen.“

„Handel muss besser sein als Amazon“

Klar ist: Die Verlagerung der Umsätze in die Online-Kanäle ist nicht zu stoppen. „Dass der Kunde online recherchiert und kauft, ist Fakt. Also muss der Handel auf ein gutes Online-Angebot, fachkundige Beratung und eine exzellente Logistik setzen. Kurz: Er muss besser sein als Amazon.“
Vor allem aber sollte der Handel endlich aufwachen, und „einem Unternehmen, das ihn ganz offensichtlich plattmachen will, nicht auch noch die Steigbügel halten.“ Wer den US-Konzern als Partner sehe, verschließe die Augen vor der Realität. „Handel und Logistik in Deutschland und Europa können nur gemeinsam ein Gegengewicht zu Amazon bilden. Und ich bin überzeugt, das geht. Schließlich finden sich im Mittelstand verlässliche, faire und leistungsfähige Partner, auf die man bauen kann.“

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